Entkolonialisierung: Das Ende der Kolonialherrschaft und die Bewegung der Blockfreien


Entkolonialisierung: Das Ende der Kolonialherrschaft und die Bewegung der Blockfreien
Entkolonialisierung: Das Ende der Kolonialherrschaft und die Bewegung der Blockfreien
 
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 begann eine neue Epoche internationaler Politik. Diese war in erster Linie durch zwei Entwicklungen geprägt: erstens durch ein rasches Auseinanderbrechen der Anti-Hitler-Koalition und die Herausbildung einer neuen, globalen Konfliktkonstellation mit den USA und den westeuropäischen Staaten auf der einen und der UdSSR auf der anderen Seite; zweitens durch den Verfall der Kolonialreiche, in dessen Verlauf eine große Zahl bis dahin abhängiger Gebiete die politische Unabhängigkeit erlangte. Für diesen Prozess wurden die Begriffe »Entkolonialisierung« und »Dekolonisation« geprägt.
 
Die Welle der Entkolonialisierung ging von Asien aus. Den Anfang machte Südasien (Indien, Pakistan, Ceylon) in den Jahren 1947/48. Es folgten 1949 das indonesische Inselreich und 1954 Indochina, sodass die Entkolonialisierung in Asien bis Mitte der Fünfzigerjahre im Wesentlichen abgeschlossen war. Die afrikanischen Kolonialgebiete südlich der Sahara, also ohne das arabisch geprägte Nordafrika, erlangten fast ausnahmslos bis Mitte der Siebzigerjahre ihre Unabhängigkeit. Vorreiter waren der Sudan (1956) und das vormals Goldküste genannte Ghana (1957). Im »afrikanischen Jahr« 1960 wurden auf diesem Kontinent insgesamt 17 Kolonien unabhängig.
 
In jenen Jahren bildete sich das Bewusstsein von der Existenz einer »Dritten Welt« aus — unterschieden von den westlichen Industrieländern einerseits und dem sozialistischen Staatenblock andererseits. Dieser Dritten Welt rechneten sich zunächst die jungen Staaten in Afrika und Asien zu, eine Dekade später auch die lateinamerikanischen Staaten, die ihre Unabhängigkeit von Spanien beziehungsweise Portugal im Wesentlichen bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlangt hatten. Die Dritte Welt machte es sich zur Aufgabe, die vollständige Entkolonialisierung zu erreichen.
 
 Der Prozess der Entkolonialisierung
 
Der britische Weg
 
In keinem der westeuropäischen Mutterländer war zunächst an eine zügige Entkolonialisierung gedacht worden, auch nicht in Großbritannien, der bedeutendsten Kolonialmacht des 19. und 20. Jahrhunderts. Dennoch sah sich London schon 1947 genötigt, Britisch-Indien in die politische Unabhängigkeit zu entlassen. Aus diesem »Kronjuwel« des Empires entstanden unter enormen Geburtswehen die Staaten Indien und Pakistan; zu Letzterem gehörte damals noch das 1971 unabhängig gewordene Bangladesh. 1948 folgten Ceylon (heute Sri Lanka) und Birma. Einen Entkolonialisierungskrieg gegen kommunistische Partisanen stand Großbritannien erfolgreich in Malaya durch und gewährte dem Malaiischen Bund 1957 die Unabhängigkeit. Im Übrigen hatte sich Großbritannien ebenso wie Frankreich mit dem Verlust seiner Mandatsgebiete im Nahen Osten abzufinden.
 
In Afrika entließ London zunächst die Länder des arabischen Nordens in die Unabhängigkeit. Das ehemals italienische Libyen erhielt 1951 die völkerrechtliche Souveränität, der Sudan 1956; Ägypten war die eingeschränkte Souveränität bereits 1922 zugestanden worden. Die Goldküste (heute Ghana) erkämpfte sich 1957 unter ihrem charismatischen Führer Kwame Nkrumah als erstes Land im schwarzen Westafrika die Unabhängigkeit. Bis Mitte der Sechzigerjahre folgten die meisten anderen westafrikanischen Staaten, zum Beispiel Nigeria 1960, Sierra Leone 1961, Gambia 1965. In Ost- und Südafrika war die Entkolonialisierung mit wenigen Ausnahmen Ende der Sechzigerjahre abgeschlossen.
 
Für die »farbigen« Kolonien in Afrika und Asien wandten die Briten ein Verfahren an, das sich zuvor bereits bei den »weißen« Siedlerkolonien wie Australien oder Kanada bewährt hatte: Sie setzten Untersuchungskommissionen ein und führten dann die farbige Bevölkerung allmählich an die parlamentarische Vertretung und die administrative Verantwortlichkeit der einheimischen Institutionen heran. Schließlich folgte die Souveränität bei informeller Wahrung des britischen Einflusses. Mitunter wurden auch föderale Staatsgebilde errichtet, um die ethnisch-sozialen Gegensätze innerhalb einer Kolonie zu mäßigen, so zum Beispiel in Nigeria. Problematisch wurde dieser »britische Weg« für Kolonien mit einem relativ hohen weißen Bevölkerungsanteil. Wer sollte in solchen Fällen die Selbstbestimmung erhalten? Südafrika hatten die Briten schon 1910 seinen weißen Herren überlassen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verweigerte Großbritannien dem ehemaligen Südrhodesien die Anerkennung der Unabhängigkeit, die dort ein von Weißen beherrschtes Regime proklamiert hatte, und gewährte sie erst 1980, als im neuen Staat Simbabwe eine Regierung durch die schwarze Bevölkerungsmehrheit gesichert war.
 
Frankreichs Abgang von der kolonialen Bühne
 
Frankreichs kolonialer Abgang war von weitaus geringerer Eleganz: Zunächst versuchte man das Kolonialreich zu behaupten, auch mit Gewalt. Angesichts schwerer militärischer Niederlagen und einer wachsenden Dynamik des kolonialen Machtzerfalls gewährte man dann nahezu allen Besitzungen rasch die Unabhängigkeit. Ausgenommen davon waren einige Gebiete in der Karibik und in Südamerika sowie einige Inseln im Indischen und Pazifischen Ozean.
 
In Ostasien hatten japanische Truppen das französische Indochina zu Anfang des Zweiten Weltkriegs besetzt. Nach dem Abzug der Japaner entbrannte 1945/46 der Krieg um Indochina zwischen Frankreich und der vietnamesischen Unabhängigkeitsbewegung unter Führung Ho Chi Minhs. Das französische Expeditionskorps geriet in diesem Krieg 1950 in die Defensive und musste 1954 die vernichtende Niederlage bei Dien Bien Phu hinnehmen. Danach spaltete sich das französische Indochina in die unabhängigen Staaten Laos, Kambodscha sowie Nord- und Süd-Vietnam auf.
 
In Afrika klammerte sich Frankreich besonders an das nordafrikanische Algerien, das es als integralen Bestandteil des Mutterlandes betrachtete. Innenpolitisch brachte der blutige Unabhängigkeitskrieg, der eine Million Menschenleben fordern sollte, in Frankreich General Charles de Gaulle an die Macht (1958). Doch dieser erfüllte die mit seiner Person verbundenen nationalistischen Hoffnungen der Franzosen nicht, beugte sich vielmehr der Realität und entließ Algerien 1962 in die Unabhängigkeit. Über eine Million französischstämmiger Algerier, die pieds noirs (Schwarzfüße), wanderten nach Frankreich zurück. In Schwarzafrika versuchte Frankreich zunächst, die Kolonien mittels der Gewährung von Bürgerrechten und einer parlamentarischen Vertretung in Paris in das Mutterland einzubinden. Doch de Gaulle scheiterte mit seinem Bemühen, die Reste des Kolonialreichs in einer communauté (Gemeinschaft) zusammenzuhalten. Bereits 1960 wurden die meisten französischen Besitzungen Schwarzafrikas unabhängig. Lediglich dem am Golf von Aden gelegenen, strategisch bedeutenden Afar- und Issa-Territorium (früher Französisch-Somaliland, heute Djibouti) gab Paris erst 1977 die politische Selbstständigkeit.
 
Niederlande und Belgien
 
Die Niederlande versuchten nach der Befreiung von der deutschen Besetzung im Jahre 1945 ihre Herrschaft über Niederländisch-Indien zurückzugewinnen. Bereits unmittelbar nach dem Abzug der Japaner aus der Region hatte Sukarno, der Führer der Nationalen Partei Indonesiens (PNI), der zwischen 1929 und 1942 lange Jahre in Haft und Verbannung zubringen musste, die Unabhängigkeit Indonesiens ausgerufen. Den Niederlanden gelang zwar die militärische Rückeroberung der Inselwelt, doch mussten sie auf Druck der Weltöffentlichkeit und der UNO bereits 1949 die Selbstständigkeit Indonesiens endgültig anerkennen.
 
Der belgische Kolonialbesitz beschränkte sich auf Zentralafrika — auf das riesige Belgisch-Kongo (später Zaire, heute Demokratische Republik Kongo) sowie das kleine, ehemals unter deutscher Kolonialherrschaft stehende Ruanda-Urundi, welches den Belgiern nach dem Ersten Weltkrieg als Mandatsgebiet zuerkannt worden war. Zunächst neigte Brüssel der Einschätzung zu, Forderungen nach Unabhängigkeit seien eine vorübergehende Erscheinung. Man vertraute auf die Effizienz des mithilfe der katholischen Kirche praktizierten Paternalismus, der die einheimische Bevölkerung als hilfsbedürftige Schutzbefohlene betrachtete, die neben der Befriedigung elementarer Grundbedürfnisse allenfalls Volksschulbildung beanspruchen konnten. Erst nach Unruhen 1959 entließ Belgien 1960 den Kongo überstürzt in die Unabhängigkeit, ohne dass das Land ausreichend darauf vorbereitet worden wäre. Damals sollen bei einer Bevölkerung von etwa zwei Millionen lediglich zwölf Personen einen Universitätsabschluss besessen haben! Bald nach der Unabhängigkeit versank das Land im Chaos. Seine reichhaltigen Bodenschätze weckten in Ost und West Begehrlichkeiten, welche die weltweite »Kongokrise« auslösten. Nur mithilfe der UNO, die noch im Jahr der Unabhängigkeit Truppen in den Kongo entsandte, und der harten Hand des späteren Diktators Mobutu Sese-Seko konnte die nationale Einheit des Landes aufrechterhalten werden. Der belgische Kolonialbesitz Ruanda-Urundi, geteilt in die beiden Staaten Ruanda und Burundi, erhielt seine Unabhängigkeit im Jahre 1962.
 
Portugal und Spanien
 
Am hartnäckigsten hielt die alte Kolonialmacht Portugal an ihrem Kolonialbesitz fest. Jahrzehntelang führten portugiesische Truppen einen erbitterten Krieg gegen die Befreiungsbewegungen in Guinea-Bissau, Angola und Moçambique. Als im Mutterland die Diktatur nach dem Tode António Salazars 1970 nicht zuletzt aufgrund der Kolonialkosten zu verfallen begann und schließlich nach der »Nelkenrevolution« von 1974 zu Fall gebracht worden war, erhielten die verbliebenen Kolonien rasch ihre Souveränität: in Afrika Angola, Guinea-Bissau, Kap Verde, Moçambique sowie São Tomé e Principe, in Asien Portugiesisch-Timor (Ost-Timor), das 1976 von Indonesien annektiert wurde. Goa war bereits 1961 von indischen Truppen besetzt worden. Die Rückgabe von Macao an China wurde für 1999 vereinbart.
 
Der iberische Nachbar Spanien hatte seine Kolonien, die vor allem in Lateinamerika lagen, im Wesentlichen bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eingebüßt. Nachzügler bildeten Spanisch-Guinea in Westafrika, das 1968 als Äquatorialguinea unabhängig wurde, und das phosphatreiche Territorium Spanisch-Sahara, das die Spanier am Ende des Franco-Regimes an Mauretanien und Marokko übergaben. Diese Aufteilung wurde allerdings von der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) nicht anerkannt; sie unterstützt die für die Unabhängigkeit der Westsahara kämpfende Frente Polisario (Volksfront für die Befreiung von Saguia el Hamra und Río de Oro).
 
 Ursachen der Entkolonialisierung
 
So wie der Verlauf der Entkolonialisierung sehr unterschiedlich war, so lässt sich auch kaum eine generelle Ursache für diesen Prozess ausmachen. Vielmehr gab es vielerlei Bedingungsfaktoren, die je nach Kolonie, Mutterland, Region und Zeitumständen ein unterschiedliches Gewicht besaßen. Begünstigend wirkte sich die Schwäche der westeuropäischen Kolonialmächte nach dem Zweiten Weltkrieg aus. Frankreich, Belgien und die Niederlande waren von Deutschland militärisch besetzt, verwüstet und ausgeplündert worden. Überdies hatte Japan die asiatischen Besitzungen der Westeuropäer zu Anfang des Kriegs größtenteils überrannt, was Macht und Prestige dieser Kolonialmächte unumkehrbar schwächen sollte und den einheimischen Befreiungsbewegungen zu beträchtlichem Spielraum verhalf. Begünstigend wirkte sich nach Kriegsende des Weiteren die betont antikoloniale Haltung der beiden Supermächte USA und UdSSR aus. Sie stellten sich den europäischen Kolonialmächten nötigenfalls kompromisslos entgegen und ließen so die neue Weltpolitik der Nachkriegsordnung zum Tragen kommen. Beispielhaft für dieses Vorgehen der Supermächte war die »Suezkrise« von 1956, die durch die Verstaatlichung des Suezkanals seitens der ägyptischen Regierung ausgelöst worden war: Damals bereitete der massive Druck der USA und der Sowjetunion der Besetzung der Kanalzone durch Großbritannien und Frankreich ein rasches Ende.
 
Auch in den Gesellschaften der Kolonialmächte selbst regte sich Widerstand gegen die regierungsamtliche Kolonialpolitik. Zum einen sah ein »rechter« Antikolonialismus in der Bewahrung der Kolonien eine Verzettelung nationaler Kräfte, die besser im Mutterland zur Geltung zu bringen seien. So stellte zum Beispiel der französische Publizist Raymond Cartier die rhetorische Frage, ob der Asphalt der »Route Razel« in Kamerun nicht besser auf einer französischen Landstraße verlegt sei. Der »linke« Antikolonialismus hingegen betrachtete eine am Status quo orientierte Kolonialpolitik als massiven Verstoß gegen das Selbstbestimmungsrecht der Völker und verurteilte die Ausplünderung der Rohstoffe in den Kolonien.
 
Aber im Zentrum der Entkolonialisierung stand allemal der Wille zur Unabhängigkeit in den kolonialisierten Gebieten selbst. Ausgelöst wurde der Widerstand gegen die Kolonialherrschaft oftmals durch die Kriegsteilnahme von Kolonialtruppen an der Seite der Alliierten. Die Kriegsteilnehmer aus den Kolonien fragten sich natürlich, weshalb sie ihr Leben für die nationale Unabhängigkeit der Mutterländer aufs Spiel setzen sollten, die ihnen selbst ebendiese Unabhängigkeit verwehrten. Der Freiheitswille der Kolonialvölker schlug sich im Kampf von Befreiungsbewegungen nieder, die zum Teil von der UdSSR oder der Volksrepublik China unterstützt wurden. Dieser Kampf war übrigens keineswegs immer und überall gewalttätig. Denn neben dem Vorgehen von Guerillaorganisationen kamen auch friedfertige Strategien zum Zuge, wobei die von dem großen indischen Freiheitskämpfer Mahatma Ghandi entwickelte Spielart des gewaltfreien Widerstands die prominenteste war.
 
Jede Unabhängigkeitsbewegung gewann schließlich mit fortschreitender Zeit mehr und mehr eigene moralische und politische Kraft. Die Dynamik nährte sich zudem durch die neu entstehenden Organisationen der Länder der Dritten Welt, besonders die Bewegung der Blockfreien, die Gruppe der 77 und die Organisation für Afrikanische Einheit. Diese Organisationen begriffen sich selbst als Anwälte kolonialisierter Völker und hatten die Überwindung des Kolonialismus auf ihre Fahnen geschrieben.
 
 Die Idee der Blockfreiheit
 
Mit dem rasch fortschreitenden Prozess der Entkolonialisierung in Asien und Afrika betraten neue Akteure die Bühne der Weltpolitik. Die oft charismatischen Führer der neu entstandenen Staaten erkannten schnell ihre gemeinsamen Interessen. Im Vordergrund stand der Wille zur Selbstbehauptung der jungen Nationen gegenüber den ehemaligen Kolonialmächten, auch gegenüber den Wortführern der internationalen Politik in Washington und Moskau — mit der Folge, dass man in den Hauptstädten der sich herausbildenden Dritten Welt wenig Interesse zeigte, sich in den Kalten Krieg verstricken zu lassen. Neben dieser Abwehr einer Vereinnahmung durch Ost oder West war in den jungen Nationen ferner die Vorstellung präsent, innen- und wirtschaftspolitisch weder dem kapitalistischen Westen noch dem sozialistischen Osten folgen zu wollen. Für die Dritte Welt sollten vielmehr »dritte Wege« bestimmend werden.
 
Diese Idee der Blockfreiheit war zunächst in Südasien formuliert worden. Sie gewann schnell weltweite Bedeutung und wurde zum Leitmotiv der großen Führerpersönlichkeiten der Dritten Welt. Vor dem Hintergrund junger Staaten, denen es an nationaler Identität und Symbolik noch mangelte, traf die Idee der Blockfreiheit auf breite Resonanz und wurde mit betont nationalem Stolz und Selbstbewusstsein vertreten. Einer ihrer frühesten Wortführer war Jawaharlal Nehru, 1947—64 erster Ministerpräsident des unabhängigen Indien. Im Nahen Osten machte sich der ägyptische Staatspräsident Gamal Abd el-Nasser, 1952 erfolgreicher Putschist gegen König Faruk I., die Idee der Blockfreiheit zu Eigen, nachdem er mit großem Selbstbewusstsein in der Suezkrise Frankreich und Großbritannien herausgefordert und gedemütigt hatte. Der dritte überragende Wortführer der Blockfreienbewegung war der jugoslawische Staatspräsident und ehemalige kommunistische Partisanenführer Josip Tito — er hatte sich Ende der Vierzigerjahre mit Stalin überworfen und sich fortan gegen den sowjetischen Hegemonialanspruch in Osteuropa gewandt. Der Kooperation dieser drei Staatsmänner verdankt die Bewegung ihre entscheidenden Impulse.
 
Andere politische Führer, die den ehemaligen Kolonialgebieten ein neues politisches Selbstbewusstsein eingeben wollten, traten hinzu, etwa der ghanaische Ministerpräsident und spätere Staatspräsident Kwame Nkrumah. Er betrat das internationale Parkett zwar erst mit der Unabhängigkeit seines Landes im Jahr 1957, machte sich aber als kompromissloser Anwalt der Dritten Welt und als einer der schärfsten Kritiker von Kolonialismus und Imperialismus schnell einen Namen.
 
Ein entscheidender Schritt zur Gründung der Blockfreienbewegung war 1955 die Konferenz von Bandung (Indonesien). Auf ihr trafen sich Vertreter von 29 unabhängigen asiatischen und afrikanischen Staaten, einschließlich der Volksrepublik China. Gemeinsam forderten die Konferenzteilnehmer atomare Abrüstung und das Ende von Kolonialismus und Rassendiskriminierung. Weitere Stationen der Blockfreienbewegung waren die Konferenz von Kairo 1957 (43 Teilnehmer, darunter auch die Sowjetunion) und die Konferenz von Conakry (Guinea) 1960, die sich nun schon gegen »Neokolonialismus« wandte, das heißt gegen die indirekte wirtschaftliche Beherrschung durch die Industriestaaten.
 
Im selben Jahr nahm der Plan einer großen Konferenz blockungebundener Staaten konkrete Gestalt an. Im Kontext wachsender Spannungen im Kalten Krieg und des großen Entkolonialisierungsschubes in Afrika entfaltete die jugoslawische Diplomatie unter Federführung Titos nun ebenso zielstrebige wie erfolgreiche Aktivitäten: Im September 1960 hielt Tito ein wichtiges Treffen mit Nasser, Nkrumah, Nehru und Sukarno ab, im Frühjahr des darauf folgenden Jahres gewann er auf einer Afrikareise die jungen afrikanischen Staaten für die Idee der Blockfreiheit. Nach einer Vorkonferenz im Juni 1961, die die wichtigsten Kriterien für Blockfreiheit festgelegt hatte — vor allem die Nichtpaktgebundenheit in Bezug auf politische Bündnisse und Militärkonventionen und die dauerhafte Unterstützung von Befreiungsbewegungen —, wurde im September desselben Jahres die Gipfelkonferenz von Belgrad zur eigentlichen Geburtsstunde der Bewegung. An dieser Konferenz nahmen 25 Staaten aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Europa teil. Die Teilnehmer steckten dabei ihre Ziele, Programme und Prinzipien sowie die thematische Spannweite der Bewegung ab.
 
Ziele, Programmatik und Organisationsstruktur
 
Die anfänglichen Ziele der Bewegung enthielten vier wesentliche Elemente: 1. Sicherung des Weltfriedens und Entschärfung des Ost-West-Konflikts. Blockfreie Politik sollte in grundsätzlicher Distanz zu den Machtblöcken in Ost (Zweite Welt) und West (Erste Welt) stehen und sich als Anwalt der Dritten Welt verstehen. 2. Befreiung aller unterdrückten Völker und Sicherung der Souveränität aller nachkolonialen Staaten. Dieses Ziel implizierte die strikte Ablehnung aller Formen von politischer Bevormundung und Fremdherrschaft in Form von Kolonialismus, Imperialismus und Rassismus. Damit einher ging die Forderung nach kultureller Befreiung, die den Wunsch nach kultureller Identität abseits der europäischen Kolonialmächte ausdrückte. 3. Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung der Dritte-Welt-Länder, wozu spätestens seit der ersten Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD) von 1964 auch die Forderung nach einer gerechteren Neuen Weltwirtschaftsordnung (NWWO) zu zählen war. 4. Demokratisierung der internationalen Beziehungen, die das Ungleichgewicht zwischen den nördlichen Industriestaaten und den südlichen Entwicklungsländern beseitigen sollte.
 
Die Akzentuierung der Ziele der Blockfreienbewegung wandelte sich im Lauf der Jahre. Zunächst vollzog sich deren Politik vor dem Hintergrund der krisenhaften Zuspitzung des Ost-West-Konflikts. Folglich betonte die Bewegung in den Sechzigerjahren besonders die politische, vor allem die sicherheitspolitische Seite ihrer Ziele. Angesichts der ersten Ölkrise von 1973 und einer Aufwertung des Südens in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen wandte sich die Bewegung in den Siebzigerjahren dann auch Fragen der globalen Wirtschafts- und Entwicklungspolitik zu. Auf der 7. Gipfelkonferenz der Blockfreien in Neu-Delhi (1983), mit der zeitlich eine erneute Verschärfung des Kalten Kriegs und die Verschuldungskrise vieler Dritte-Welt-Länder einherging, standen Frieden und Entwicklung, die beiden zentralen Anliegen der Blockfreienbewegung, nunmehr gleichberechtigt auf der Tagesordnung.
 
Der Umfang der Mitgliedschaft der Blockfreien sollte sich rasch ausweiten. Waren 1961 in Belgrad noch lediglich 25 Staaten versammelt gewesen, so wuchs die Zahl der Mitglieder nicht zuletzt als Folge fortschreitender Entkolonialisierung bis 1991 auf 101 Staaten an. In Lateinamerika, das anfänglich nur selten zu den Wortführern der Dritten Welt gehört hatte, konnte die Bewegung im Rahmen der Thematisierung ungleicher Wirtschaftsbeziehungen zwischen Nord und Süd in den Siebzigerjahren neue Mitglieder und neue Unterstützung gewinnen. Nach dem Ende des Kalten Kriegs, das bekanntlich zahlreiche neue Staaten entstehen ließ, gehörten der Bewegung im Jahre 1995 inzwischen 118 Mitglieder an. Die Blockfreienbewegung hat stets auf die Ausbildung fester Institutionen verzichtet und auf eine »weiche« Organisationsstruktur gesetzt. So besitzt sie bis heute keine verbindliche Satzung, keine eigene Verwaltung und keine Exekutive. Auch gibt es weder einen Hauptsitz noch ein Sekretariat. Beschlüsse müssen auf den Konferenzen nach dem Konsensprinzip einstimmig gefasst werden. Diese der Schlagkraft wenig förderlichen Strukturen dürfen indes nicht als ein simpler Unterlassungsfehler betrachtet werden. Vielmehr sind sie kennzeichnend für eine Bewegung, die vor allem durch den Willen zur Behauptung nationaler Unabhängigkeit geformt wurde. Eine Preisgabe von Kompetenzen zugunsten der Bewegung konnte darum zu keinem Zeitpunkt ernsthaft erwartet werden.
 
Verdienste und Defizite — Eine Bilanz
 
Zieht man nach weit über 30 Jahren eine Bilanz der Blockfreienbewegung, ist positiv hervorzuheben, dass es gelungen ist, eine »Interessengruppe der Entwicklungsländer« zu etablieren und somit der Dritten Welt eine Plattform zur Artikulation ihrer ureigenen Belange zu geben. Ausgestattet mit dem neuen Selbstbewusstsein, das die Bewegung den Mitgliedsstaaten verlieh, führte man so einen Dialog zwischen den nördlichen Industriestaaten und den Entwicklungsländern des Südens herbei, in dessen Verlauf es während der Siebzigerjahre sogar schien, als könne der Süden den Norden zu Konzessionen zwingen und das Machtgefälle zwischen den Industriestaaten und Entwicklungsländern abschwächen oder gar überwinden.
 
Zu den Erfolgen der Bewegung gehört ebenso ihre aktive Rolle im Prozess der Entkolonialisierung, wobei sowohl die lautstarke Formulierung berechtigter Interessen als auch die konkrete Unterstützung von Befreiungsbewegungen durch Mitgliedsstaaten hervorzuheben sind. Möglicherweise haben auch ihre Bemühungen um eine Entschärfung des Kalten Kriegs eine mäßigende Wirkung auf die Streithähne in Ost und West ausüben können. Schließlich kann als Verdienst insgesamt eine Verbesserung der Beziehungen zwischen den Staaten der Dritten Welt selbst, der Süd-Süd-Beziehungen, verbucht werden.
 
Andererseits aber konnte die Bewegung der Blockfreien militärische Auseinandersetzungen zwischen den Mitgliedstaaten nicht verhindern. Ein Beispiel dafür ist der blutige Golfkrieg zwischen Iran und Irak 1980—88. Auch die so oft beschworenen effektiven Abrüstungsschritte ließen sich nicht herbeiführen. Der anhaltende Dauerkonflikt zwischen den blockfreien Staaten Indien und Pakistan ist inzwischen sogar um eine nukleare Komponente erweitert worden, da beide jetzt über einfache Kernwaffen verfügen. Ebenso wenig gelang es der Bewegung, alle Mitglieder aus einer Verstrickung in den Ost-West-Konflikt herauszuhalten. Zum Teil konnte bei einigen Mitgliedern von Blockfreiheit im eigentlichen Sinne kaum mehr gesprochen werden — wie etwa im Falle Kubas, das sich sogar dem sowjetisch dominierten Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) anschloss. War in den Siebzigerjahren der Eindruck entstanden, die Blockfreienbewegung könne mittelfristig das Gefälle in den Nord-Süd-Beziehungen zugunsten der Entwicklungsländer korrigieren, so zeigten schon die frühen Achtzigerjahre, dass die Dominanz des Nordens selbst langfristig kaum zu brechen sein würde. Diese düstere Prognose offenbarte sich vor dem Hintergrund der schweren Verschuldungskrise, die große Teile des Südens heimgesucht hatte. Sie zementierte die alte Vorherrschaft der Industriestaaten auf unabsehbare Zeit. Bedenkt man den schleichenden Bedeutungsverlust der Bewegung seit den Achtzigerjahren, so kann für die Zukunft ein weiterer Verfall nicht ausgeschlossen werden. Natürlich spielt in diesem Zusammenhang auch eine Rolle, dass dieses große Länderbündnis mit dem Ende des Ost-West-Gegensatzes seine vielleicht wichtigste Existenzberechtigung eingebüßt hat.
 
 Die Gruppe der 77
 
Neben der Bewegung der Blockfreien bildete sich in den Sechzigerjahren auch die Gruppe der 77 heraus. Auf der ersten Welthandelskonferenz der Vereinten Nationen (UNCTAD) von 1964 fanden sich Vertreter von damals 77 Entwicklungsländern zusammen, um ihren gemeinsamen Interessen und Forderungen im Rahmen der UNO und der alle vier Jahre stattfindenden UNCTAD-Konferenzen besser Geltung verschaffen zu können. Im Laufe der Jahre stießen zur Gruppe der 77, die allerdings stets ein lockerer Zusammenschluss blieb, immer mehr Länder hinzu; 1995 waren es 132 Entwicklungsländer.
 
In der Gruppe der 77 wurden vor allem Forderungskataloge der Entwicklungsländer zur Vorbereitung der einzelnen UNCTAD-Konferenzen abgestimmt und das Vorgehen während der Verhandlungen koordiniert. Programmatisch bedeutsam für die Gruppe war unter anderem die Charta von Algier (1967) über die wirtschaftlichen Rechte der Dritten Welt. Darin wurden die Umwandlung der Weltbank in eine Entwicklungsbank, die Abzweigung von jährlich einem Prozent des Bruttosozialprodukts der Industriestaaten für die Entwicklungsländer sowie vermehrte handelspolitische Konzessionen der kommunistisch regierten Länder gefordert. Von Beginn an verstand sich die Gruppe als eine Art »Gewerkschaft der Entwicklungsländer«, wobei der ökonomische Aspekt von vornherein deutlich im Vordergrund stand — im Gegensatz zur Blockfreienbewegung, die einen stärkeren Akzent auf die politische Alternative abseits des Gegensatzes zwischen Ost und West legte.
 
Prof. Dr. Dieter Nohlen und Matthias Basedau
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
Kolonialismus: Die großen Kolonialreiche
 
 
Albertini, Rudolf von: Dekolonisation. Die Diskussion über Verwaltung und Zukunft der Kolonien 1919-1960. Köln u. a. 1966.
 Ansprenger, Franz: Auflösung der Kolonialreiche. München 41981.
 Ansprenger, Franz: Politische Geschichte Afrikas im 20. Jahrhundert. München 31999.
 Matthies, Volker: Die Blockfreien. Ursprünge, Entwicklung, Konzeptionen. Opladen 1985.

Universal-Lexikon. 2012.

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